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233 Grad Celsius - Hochschulen erinnern an die Bücherverbrennung vor 75 Jahren

(Quelle: Deutschlandradio Kultur: Campus & Karriere; Sendung vom 2. Mai 2008 (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/779191/)
Von Christina Schaffrath

Am 10. Mai 1933 brannten in Deutschland Scheiterhaufen mit Büchern verfemter Autoren, von jüdischen, marxistischen oder pazifistischen Schriftstellern. Viele von ihnen wurden verfolgt, ermodert oder gingen ins Exil. Dem 75. Jahrestag der Bücherverbrennung gedenken Studierende an der Hochschule der Medien in Stuttgart mit der Ausstellung »233 Grad Celsius«, benannt nach der Temperatur, bei der Papier brennt.

»Wir haben hier ganz vorne einen Bücherstapel gebastelt, der eben symbolisieren soll den Bücherstapel, der vor gut 75 Jahren überall in Deutschland in großen Hochschulstätten aufgebaut wurde und wo damals Bücher verbrannt wurden und wir wollen an diesen Tag erinnern und die Leute aufzuklären, was los war.«

Leander Blumental studiert im vierten Semester Mediapublishing an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Hier im Foyer türmen sich auf dem Boden schwarz eingeschlagene Bücher zu einem Berg. Studierende laufen geschäftig daran vorbei. In Vitrinen liegen Originalausgaben von Erich Maria Remarque und Alfred Döblin, Autoren, deren Werke damals verbrannt wurden. Etwas weiter rechts erklären Tafeln die Geschehnisse. Den Raum hinter den Stellwänden hat Jacqueline Schmidt als Studentenzimmer der 30er Jahre eingerichtet: »Eine Studentenbude in dem Sinne, weil die Bücherverbrennung von Studenten forciert wurde und weil sie nicht, wie von vielen angenommen von oben kam, von den Führern oder Funktionären des NS-Regimes, sondern von den Studenten selber. Und für uns ist es deshalb interessant, weil wir ja auch Studenten sind und da auch einfach mal zu sehen, wie es gelaufen ist.«

Der deutsche Studentenbund hatte die Aktion »Wider den undeutschen Geist« ins Leben gerufen. Die Studenten verfassten 12 Thesen, in denen jüdische, sozialdemokratische und liberale Ideen angeprangert wurden. Sie denunzierten Hochschullehrer, die nicht der nationalsozialistischen Linie entsprachen und die nach dem »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« aus den Ämtern auszuscheiden hatten. Und schließlich organisierten sie mithilfe massiver Propaganda auch die Bücherverbrennung. »Im rekonstruierten Studierzimmer in Stuttgart steht ein Vertiko, davor Bücher, in der Ecke ein Rundfunkempfänger. Auf dem Schreibtisch eine braune Tischdecke und eine alte Ausgabe der Berliner Zeitung. Leander Blumental: »Ein Foto von der Freundin haben wir auch aufgehängt, auch um Menschlichkeit in das Zimmer rein zu bringen.«

Auf dem Tisch liegt auch die sogenannte Schwarze Liste, die der nationalsozialistische Volksbibliothekar Wolfgang Hermann erstellt hat und anhand derer »volksfremde Schriften« aus dem Bestand der Bibliotheken ausgesondert werden sollten. Unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 begann die Anpassung des gesamten politischen und gesellschaftlichen Lebens an die totalitäre NS-Ideologie. Eine Welle des Terrors gegen Andersdenkende setzte ein. Auch die Literatur wurde auf Linie gebracht. Auf der schwarzen Liste finden sich Namen von Erich Kästner bis Kurt Tucholsky, von Theodor Heuss bis Albert Einstein.

Professor Ulrich Huse, Studiendekan für Mediapublishing an der HdM, hat das Projekt zur Bücherverbrennung initiiert. »Man muss immer im Hinterkopf haben, dass hier die Literatur verbrannt wurde, von der man vier Monate vorher gesagt hat: Das sind unsere Besten. Es war nicht nur die politische Literatur, die historische Literatur, die marxistisch, pazifistisch oder sonst irgend etwas war, es waren die Schriften, von denen man vorher begeistert gesprochen hatte, und das war mit einem Schlag weg. Und die Leute jubelten, standen dabei, sangen, während die Bücher in den Flammen verbrannten.«

Am 10. Mai 1933 wurden in Berlin 20.000 Bücher verbrannt. Die Studenten sangen Lieder, deklamierten »Feuersprüche« unter denen sie weitere Werke in die Flammen warfen. Gegen Mitternacht hielt Propagandaminister Joseph Goebbels eine Rede. Zehntausende Menschen nahmen an der Verbrennung teil. In anderen deutschen Universitätsstädten spielten sich ähnliche Szenen ab, erzählt Blumental: »Viele Studenten wurden so von dieser Propaganda eingenommen. Ich habe Fotos gesehen, da sind Studenten drauf, und das sieht so gespenstisch aus, wie die Lachen und die Bücher sammeln und ins Feuer schmeißen, die waren da richtig mit dabei.«

Jacqueline Schmidt ergänzt: »Was ich besonders erstaunlich fand, war einfach der Fakt, wie viele Schriftsteller wirklich untergegangen sind mit dieser Bücherverbrennung, wovon wir selber auch gar nichts wussten, dass die existiert haben, geschrieben haben und danach auch einfach verschwunden sind, auch die Schriften. Das ist so ein Fakt, der einen schon ein bisschen in Erstaunen versetzt.«

Nach der Bücherverbrennung flohen viele der Autoren ins Exil. Veröffentlichen war in Deutschland nur noch regimekonformen Schriftstellern möglich. Die Studierenden haben sich für die Ausstellung auch mit den verfolgten Autoren beschäftigt, ihr Schicksal recherchiert. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben die angehenden Verleger professionell in einem Katalog festgehalten. Professor Ulrich Huse möchte so die Erinnerung bewahren. »Es ist jetzt 75 Jahre nach der Bücherverbrennung ist die Situation leider so, dass keiner der Autoren, dessen Werke damals verbrannt wurden, mehr lebt – das ist vorbei, das ist Geschichte und nur die Folgen wirken nach.«

 
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